Heiraten als feministischer Akt?
- 6. Okt. 2025
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Ehe und Hochzeit sind eng verbunden mit einer patriarchal geprägten Welt. Viele Menschen haben sofort bestimmte Bilder im Kopf: Der Bräutigam hält bei den Eltern der Braut um ihre Hand an, der Vater führt die Braut zum Altar und „übergibt“ sie an den Ehemann, unverheiratete Frauen werfen beim Brautstraußfangen sehnsüchtige Blicke in die Luft. Weiß als Symbol der Jungfräulichkeit – selbstverständlich nur für die Braut – gehört ebenso dazu wie die Vorstellung klar verteilter Rollen.
Diese Traditionen sind nicht zufällig entstanden. Viele Hochzeitsbräuche beruhen auf jahrhundertealten patriarchalen Strukturen, aus Zeiten, in denen Frauen rechtlich und gesellschaftlich als Eigentum von Männern galten. Dass diese Bilder bis heute nachwirken, erklärt, warum Ehe und Feminismus für viele zunächst schwer zusammenpassen.
Kein Wunder also, dass sich viele Feministinnen fragen, ob eine Hochzeit überhaupt mit ihren Überzeugungen vereinbar ist. Bedeutet Heiraten nicht automatisch, ein überholtes System zu legitimieren? Ein System, das historisch auf Ungleichheit, Abhängigkeit und weiblicher Selbstaufgabe beruht?
Ein differenzierter Blick auf Ehe und Feminismus
Als Juristin sage ich: Ja, es gibt gute Gründe, das bestehende Ehe- und Familienrecht kritisch zu betrachten. Vom Ehegattensplitting über strukturelle Benachteiligungen bis hin zu lückenhaftem Gewaltschutz – unser Rechtssystem ist keineswegs frei von Lücken und hat durchaus Verbesserungspotential.
Gleichzeitig lohnt sich ein nüchterner Blick auf die rechtlichen Wirkungen der Ehe. Denn jenseits romantischer Verklärung oder traditioneller Symbolik ist die Ehe vor allem eines: ein rechtlicher Schutzraum. Und dieser kann – gerade für Frauen – eine sehr konkrete Form von Absicherung bedeuten.
Absicherung statt Romantisierung
Wer heiratet, ist rechtlich abgesichert. Und zwar auch ohne Ehevertrag. Das zeigt sich besonders deutlich im Fall der Scheidung. Während einer Ehe erwirtschaftetes Vermögen wird im Regelfall hälftig geteilt. Dabei spielt es keine Rolle, wer das Geld verdient hat. Erwerbsarbeit und Carearbeit werden rechtlich als gleichwertige Beiträge zur gemeinsamen Lebensführung anerkannt.
Das ist ein zentraler Punkt aus feministischer Perspektive: Die unbezahlte Arbeit, die bis heute überwiegend von Frauen geleistet wird – Kinderbetreuung, Haushalt, emotionale Arbeit – erhält im Rahmen der Ehe einen rechtlichen und finanziellen Wert. Wer für die Familie beruflich zurücksteckt, trägt nicht „weniger“ bei. Und dies wird im Scheidungsrecht ausdrücklich berücksichtigt.
Die unsichtbare Gefahr unverheirateter Beziehungen
Ganz anders sieht es bei unverheirateten Paaren aus. Wer ohne Trauschein für den Partner oder die Partnerin zurücksteckt – etwa durch einen Umzug, durch den Verzicht auf Karrierechancen, durch gemeinsame Projekte oder durch Kinder – hat im Fall einer Trennung zunächst keinerlei automatischen Ausgleichsansprüche. Weder für entgangenes Einkommen noch für den Aufbau gemeinsamen Vermögens.
Aus feministischer Sicht ist das ein erhebliches Risiko. Denn noch immer sind es überwiegend Frauen, die in Beziehungen Kompromisse zulasten der eigenen wirtschaftlichen Unabhängigkeit eingehen. Ohne Ehe bleiben diese Entscheidungen rechtlich oft unsichtbar – und ungeschützt.
Fazit: Feminismus heißt auch, Machtverhältnisse realistisch zu betrachten
Heiraten ist nicht automatisch feministisch. Und es ist völlig legitim, traditionelle Hochzeitsrituale abzulehnen oder die Institution Ehe grundsätzlich zu hinterfragen oder abzulehnen. Feminismus bedeutet aber auch, bestehende Machtverhältnisse zu erkennen – und sich innerhalb dieser Strukturen bestmöglich zu schützen.
In diesem Sinne kann Heiraten durchaus ein feministischer Akt sein: nicht als romantische Erfüllung alter Rollenbilder, sondern als bewusste rechtliche Entscheidung für Absicherung, Gleichwertigkeit von Arbeit und ökonomische Fairness. Wer die Ehe kritisch, selbstbestimmt und zu den eigenen Bedingungen gestaltet, reproduziert nicht zwangsläufig patriarchale Muster – sondern nutzt ein rechtliches Instrument, das Schutz bieten kann, solange strukturelle Ungleichheiten bestehen.
Und wenn sich die Rechtslage irgendwann ändert und Frauen - vor allem Mütter - auch ohne Trauschein besser abgesichert sind, kann man sich ja ganz einvernehmlich scheiden lassen.

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